Fohl, Dagmar - Die Insel der Witwen

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25 Okt. 2010 08:57 - 05 März 2024 08:38 #1 von Ikopiko
Autor: Fohl, Dagmar
Titel: Die Insel der Witwen
Originaltitel: -
Verlag: Gmeiner Verlag GmbH
Erschienen: 2010
ISBN-10: 3839210704
ISBN-13: 978-3839210703
Seiten: 273
Einband: TB
Serie: -
Preis: 12,90 €

Autorenportrait

Dagmar Fohl, geboren 1958, absolvierte ein Studium der Geschichte und Romanistik in Hamburg und arbeitete mehrere Jahre als Kulturmanagerin. Nach Abschluss einer Gesangsausbildung war sie als Sängerin, Gesangslehrerin und Chorleiterin im In- und Ausland aktiv. Dann folgte ihre Tätigkeit als Schriftstellerin. Im Juli 2009 erschien ihr erster historischer Roman im Gmeiner Verlag.

Quelle: Angaben im Buch

Inhaltsangabe:

Taldsum, eine Insel im friesischen Wattenmeer, Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Leben der Bewohner ist geprägt von der Seefahrt, dem Tod und bitterer Armut. Als ein Leuchtturm auf dem Eiland errichtet werden soll, schlagen die Wogen der Empörung hoch. Auch die junge Seemannswitwe Keike Tedsen, die wie viele Frauen von der Strandräuberei lebt, fürchtet um ihr karges Auskommen. Dann aber verliebt sie sich in den Hamburger Ingenieur Andreas Hartmann, der mit dem Leuchtturmbau beauftragt ist. Es ist eine schicksalhafte Liebe, die das Leben der beiden für immer verändern soll ...

Quelle: amazon.de

Meine Meinung:

„Die Insel der Witwen“ ist ein historischer Roman, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf Taldsum, einer fiktiven Insel im friesischen Wattenmeer, spielt.

Der Hamburger Ingenieur Andreas Hartmann bekommt den Auftrag, auf der kleinen friesischen Insel Taldsum einen Leuchtturm zu bauen. Er erfüllt sich damit seinen Lebenstraum und erhält gleichzeitig die Möglichkeit, ein paar Monate seiner Familie zu entfliehen. Seine Frau ist übertrieben fromm und er fühlt sich in seinem Heim stark eingeengt.

Die Insulaner treten Hartmann feindlich gegenüber. Das Strandjern, die Bergung von Strandgut verunglückter Schiffe, ist für viele von ihnen lebensnotwendig, denn auf der Insel herrscht große Armut. Der Leuchtturm wird das Stranden der Schiffe verhindern und ihnen diese Lebensgrundlage nehmen. Obwohl jede Familie auf der Insel tödlich verunglückte Seefahrer zu beklagen hat, sträuben sie sich gegen den Bau des lebensrettenden Leuchtturms.

Trotz der Feindseligkeit kommen sich Hartmann und die Witwe Keike Tedsen näher und verlieben sich ineinander. Während dieser heimlichen Treffen können beide vorübergehend der Realität entfliehen und ihr einsames und hartes Leben vergessen.

Doch der Tag der Einweihung des Leuchtturmes und somit die Abreise von Hartmann stehen bereits fest ...

Dagmar Fohl schafft es, das karge, entbehrungsreiche Leben auf einer friesischen Insel vor mehr als 150 Jahren lebendig werden zu lassen. Die Insulaner leben am Existenzminimum. Das Meer und die Gezeiten bestimmen ihren Lebensrhythmus. Sehr ausgeprägt ist der Aberglaube, auf den der Roman immer wieder anspielt, wodurch leider die Geschichte an sich etwas leidet.

Sehr gut gelungen sind die Zeitsprünge und Ortswechsel von der Insel Taldsum in einen Gerichtssaal in Hamburg. Auch wenn der Leser erahnen kann, dass Hartmann ein schweres Verbrechen begangen hat, wird die Art und das Ausmaß der Tat erst auf den letzten Seiten klar.

Bei „Insel der Witwen“ handelt es sich nicht um einen Inselkrimi, wie man ihn kennt. Es wird gemordet, es wird geraubt, aber dies steht nicht im Vordergrund, sondern dient als Darstellung des entbehrungsreichen, von Aberglauben durchwirkten Leben der Insulaner. Der Untertitel „Historischer Roman“ ist daher durchaus treffend.

Ich bewerte dieses Buch mit drei bis vier von fünf Sternen, da der Aberglaube in diesem Buch für meinen Geschmack einen zu großen Umfang eingenommen hat.
Letzte Änderung: 05 März 2024 08:38 von Meggie.

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26 Juli 2011 22:41 #2 von goat
Meine Meinung:

Die Krimis aus dem Gmeiner-Verlag sind ja recht bekannt und ich lese sie oft und auch gerne. Dieses Mal jedoch, habe ich mich an einen historischen Roman aus dem Verlag herangewagt. Von Gmeiner bin ich es gewohnt, dass passend zum Inhalt des Buches auch ein passendes Cover ausgewählt wird. In diesem Fall ist es mal kein Foto, sondern sieht eher wie das Gemälde eines Künstlers aus. Eine Frau in einem weißen Kleid, die am Strand hockt, umgeben von Strandgut und sich Notizen macht. Sie sieht sehr nachdenklich aus. Auch die Coverinnenseite ist wieder bedruckt. Passenderweise mit einem Leuchtturm. Ich weiß nicht, ob ich in einem Buchladen das Buch aufgrund des Covers in die Hand genommen hätte, aber da mir das Buch empfohlen wurde, bin ich durch die Bookcrosser an dieses Exemplar gekommen.

Die Geschichte spielt im Jahre 1868 und wird aus der auktorialen Perspektive erzählt, was soviel heißt, dass ein „allwissender“ Erzähler die Position eines Berichterstatters einnimmt. Es gibt viele Leser, die Geschichten, die in der Ich-Form geschrieben sind, nicht so gerne lesen. Mir macht das im Allgemeinen nichts aus, aber für diese Geschichte hätte die Form des Ich-Erzählers wahrscheinlich keine so große Wirkung erzielt. Da der Roman sehr aufwühlend ist, war ich ganz froh durch die Erzählweise etwas Abstand zu gewinnen.

Zu Beginn des Buches, im Dezember 1868, befinden wir uns in einem Hamburger Gerichtssaal. Der Angeklagte Ingenieur Andreas Hartmann sitzt wie betäubt auf der Anklagebank und lächelt abwesend, als ginge ihn die Verhandlung nichts mehr an, als hätte er sich in eine andere Welt geflüchtet, die ihn vor der Realität, vor sich selbst schützt. Durch den Verteidiger erfährt der Leser, dass sich etwas Schlimmes ereignet haben muss. Es ist von einer schrecklichen Tat die Rede, von geistiger Umnachtung als er die Tat beging und von verborgenem Wahnsinn, der sich schon durch das schreckliche Kindheitserlebnis manifestiert haben soll. Einzig der Halt, den er durch seine Frau und seine Kinder erfuhr und schließlich seine Arbeit als erfolgreicher Ingenieur sollen den Ausbruch des Wahns über lange Jahre verhindert haben. Der Angeklagte selber, hüllt sich in Schweigen. „Es schien, als ob er nicht mehr wusste, was geschehen war, als ob er weder das Glück noch das Verderben spürte, in das ihn sein Aufenthalt auf der Insel gestürzt hatte.“

Diese Einführung in die Geschichte ist in kursiver Schrift geschrieben, denn sie stellt die Gegenwart dar. Der Leser erfährt jedoch erst zum Schluss des Buches, welche grausame Tat Andreas Hartmann begangen hat. Die eigentliche Hauptgeschichte ist ein Rückblick auf die vorangegangenen Monate, die Andreas Hartmann auf der friesischen Insel Taldsum verbracht hat, um dort einen Leuchtturm zu bauen. Und dieser Teil ist in normaler Schrift verfasst. Zwischendurch immer mal wieder ganz kurz, wird der Leser Zeuge der Gerichtsverhandlung oder erfährt in anhand von Untersuchungsberichten etwas darüber, wie ihn die Ärzte die ersten Tage nach Einlieferung in die Irrenanstalt wahrnahmen.

Mich selber haben die kursiv geschriebenen Passagen nicht so sehr interessiert. Ich wusste, es muss etwas Schreckliches geschehen sein, aber es war mir relativ egal, was die Ärzte oder die Gerichtsdiener darüber dachten oder wie sein Gesundheitszustand zu dem Zeitpunkt war. Für mich zählte nur: Wie ist es zu dieser schrecklichen Tat gekommen und vor allen Dingen, wer war das unglückliche Opfer. Zumal dem Text nie zu entnehmen war, ob es sich um ein Opfer oder mehrere Opfer handelte, und ob und welcher Form überhaupt jemand ums Leben kam.

Der Rückblick in Hartmanns Zeit auf der Insel war das, was bei mir Spannung erzeugte – dabei handelt es sich ja noch nicht einmal um einen Krimi. Aber nun zum Thema:

Taldsum ist eine Insel im friesischen Wattenmeer. Es gibt dort insgesamt einhundertfünfzig Häuser und in sechzig von ihnen leben Witwen, wie Keike Tedsen, der Protagonistin dieses Buches. Das Leben auf dieser Insel ist hart, denn die Menschen dort leben nicht wie viele Insulaner vom Tourismus, sondern von dem, was die Männer und ihre Söhne, sobald diese alt genug sind und zur See fahren können, verdienen. Aber die See ist stürmisch und kennt kein Erbarmen. Viele junge Frauen sind bereits mit Anfang oder Mitte zwanzig Witwen und haben teilweise auch ihre Söhne verloren. Sie leben in völliger Armut und nur der Armenpfennig und das angeschwemmte Strandgut halten sie am Leben.

Auch die 28-jährige Keike ist bereits seit vier Jahren Witwe, doch im Gegensatz zu den anderen Frauen, die sehnsüchtig auf die Rückkehr ihrer Männer warten, ist sie nicht traurig, dass ihr Mann den Tod auf See fand. Zu der Zeit war es noch üblich, von den Eltern verheiratet zu werden und somit war nicht Keike, sondern ihre Mutter der festen Überzeugung, einen geeigneten Mann gefunden zu haben – nämlich einen, der das Einkommen sichert. Die Liebe war in dem Fall nebensächlich. Ohne die Heuer ihres Mannes, ist Keike mehr denn je darauf angewiesen, Strandgut zu bergen. Nicht selten werden Weinfässer angespült, Früchte oder Baumwolltücher, aus denen sie Kleider näht und auch die Schiffsplanken sind wertvoll, da es auf der Insel keinen einzigen Baum gibt.

Die Frauen sind es gewohnt, so hart zu arbeiten wie die Männer. Sie haben oft nur einen kleinen Handkarren und vieles muss schnell nach Hause geschafft werden, bevor der Strandvogt es ihnen abnehmen kann. Die unbekannten Seeleute, die tot angeschwemmt werden, werden von den Gehilfen des Strandvogts in den Dünen verscharrt. „Alle namenlosen Seeleute, die das Meer ausspuckte, lagen inmitten der Sandberge. Seit Jahrhunderten vergruben sie sie in der Inselwüste. Keike wusste nicht, wie viele Menschen unter dem Sand begraben lagen. Niemand wusste das. Hunderte, Tausende? Ertrunken, verunglückt, ermordet.“

Als der Ingenieur Andreas Hartmann auf der Insel eintrifft, schlägt ihm eine Welle des Hasses entgegen. Der Bau des Leuchtturmes würde die Existenz vieler Menschen auf der Insel bedrohen, die auf die Plünderungen angewiesen sind. Der Bau verzögert sich, weil Material gestohlen oder beschädigt wird. Auch Keike Tedsen wehrt sich gegen den Leuchtturm und wird eines Tages von Hartmann dabei erwischt, wie sie in seinem Haus eine handvoll Krabbenschalen verteilt, die sie mehrere Tage zuvor gesammelt und liegen gelassen hat. Der Gestank ist bestialisch und der Ingenieur wirft Keike wütend aus seiner Unterkunft. Doch seit er der jungen Frau in die Augen geblickt hat, ist es um ihn geschehen.

Er macht sich auf die Suche nach ihr und schon bald entwickelt sich zwischen den beiden eine sehr intensive Liebebeziehung. Andreas ist hin- und her gerissen zwischen den Gefühlen, die er für Keike hegt und dem schlechten Gewissen seiner Familie gegenüber. Auch das Inselleben drückt ihm mittlerweile schon schwer auf sein Gemüt und er merkt, dass es ihn irgendwie verändert. Als der Bau des Leuchtturms seinem Ende entgegengeht, ist der junge Ingenieur deshalb nicht so unglücklich, die Insel zu verlassen, wie er gedacht hat …

Dass er die Insel verlässt ist ja schon dem Eingangstext zu entnehmen. Was sich allerdings kurz vor seiner Gerichtsverhandlung zugetragen hat, werde ich natürlich nicht verraten.

Die Autorin hat mich mit „Die Insel der Witwen“ absolut überzeugen können. Dieser Roman ist eigentlich mehr als „nur“ ein historischer Roman, denn die Schilderungen gehen so sehr unter die Haut, dass ich stellenweise gedacht habe, ich lese einen Psychothriller. Durch die authentischen Beschreibungen habe mich in Keikes Lage versetzt gefühlt. Ich konnte den rauen Wind spüren und die Kälte, die an den Knochen nagt. Die Vorstellung, ein Leben durch den Verlust anderer Menschen bestreiten zu müssen, hat mich erschreckt. Aber mehr noch, mit welcher Brutalität die Frauen teilweise auch vorgegangen sind. Verletzte, die mit letzter Kraft versucht haben, sich an Land zu ziehen, wurden einfach erschlagen und die Toten in den Dünen verscharrt. Der Gedanke daran, in solch einer Zeit leben zu müssen, erschreckt mich.

Im Anhang des Buches befinden sich Worterklärungen, die sehr nützlich sind und ohne die ich bestimmt nicht gewusst hätte, was ein Demat ist oder ein Gonger. Wie man sieht, hat das Buch zumindest in meinem Fall keine Wünsche offen gelassen und eine sehr zufriedene Leserin zurück gelassen, die sich höchstens darüber beschweren kann, dass das Buch nicht mehr Seiten hatte. So wie es aussieht, scheint die Autorin mit ihrem Schreibstil auch mit ihren anderen Werken zu überzeugen. Ein Grund mehr für mich, die Augen offen zu halten und zuzugreifen, wenn sich die Gelegenheit bietet.

:*****:

Nicht wer Zeit hat, liest Bücher, sondern wer Lust hat, Bücher zu lesen, der liest, ob er viel Zeit hat oder wenig.

Ernst Reinhold Hauschka

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21 Jan. 2013 12:48 #3 von Netha
Meine Meinung:

Dieses Buch habe ich geschenkt bekommen und ich wusste nicht was mich darin erwartet. Aber ich muss sagen es hat mir recht gut gefallen.

Auf einer friesischen Insel, die es real nicht gibt, leben überproportional viele Witwen. Das Meer hat ihnen ihre Männer genommen und sie müssen mit dem zurecht kommen, was sich täglich einfach ergibt.
Eine gute Quelle sind die Gegenstände die von verunglückten Schiffen angespült werden. Dieses Standgut ist teils die einzige Einnahmequelle der Menschen auf dieser Insel.

Andreas Hardmann lebt mit seiner Familie in Hamburg, er bekommt die Chance auf der Insel einen Leuchtturm zu bauen. Der deutsche König hatte endlich ein einsehen, dass vor der Insel zu viele Schiffe in Seenot geraten oder gar total Schiffbruch erleiden. Für Andreas ist das die Chance überhaupt, nicht nur um zu zeigen was er kann, sondern auch um aus seiner Familie ausbrechen zu können. Er füllt sich zuhause eingeengt und will einfach raus. Doch Andreas hat noch ein anderes großes Problem, dem er versucht davon zu laufen.

Auf der Insel kommt es dann zu einer schicksalsschwerer Begegnung mit der Witwe Keike.

Die Autorin versteht es sehr gut die raue Wahrheit über das Leben auf so einer kleinen Insel einzufangen und zu vermitteln. Die Schwermut steht auf fast jeder Seite parat.
Aber auch die kleinen Freuden, die diese Insulaner erleben, kann sie sehr gut fast schon plastisch beschreiben.
Wie es zu damaligen Zeiten sehr verbreitet war, spielt auch hier der Aberglaube der Menschen eine große Rolle.

Erzählt wird die Geschichte auf zwei Ebenen, zum einen in einer Gerichtsverhandlung gegen Andreas Hardmann, zum anderen die Geschehnisse die dazu geführt haben das Andreas vor Gericht steht.
Was er angestellt hat verrät die Autorin wirklich erst auf den letzten Seiten.
Mir hat diese Geschichte recht gut gefallen.

Ich vergebe vier von fünf Sternen.

:****:

Liebe Grüße von Netha

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